Mit Kinderaugen....

Mit Kinderaugen.......

                      "Pegasus und seine Freunde“

Kunstausstellung vom 24. 09.  bis  05.10. 2011  in der Stadtgalerie Bad Soden am Taunus, Badehaus im Alten Kurpark, Königsteiner str. 86,  in Zusammenarbeit mit der Galerie Elzenheimer
Gezeigt werden gemalte Impressionen, entstanden im Rahmen einer Aktion zur Ausstellung
"Über Liebe und andere Dämonen"  von Carin Grudda sowie ausgesuchte Einzelstücke der Künstlerin C. Grudda.

Vernissage am Freitag den 23.09.2011, um 19:00 Uhr.
Einführende Worte Dr. Rudolf Gerharz

Sie und Ihre Freunde sind herzlich eingeladen.


Weitere Bilder und Textausführung zu den einezelnen Skulpturen lesen Sie hier.


Die folgenden Texte sind von Dr. Uwe Geese, Kunst- und Kulturhistoriker, Marburg,
mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von Carin Grudda. 



BLAU-MIAU


ImageSchon früh spielt die Katze, wie das Tier allgemein, in Carin Gruddas Werk eine wichtige Rolle, die sie in der großen BLAU-MIAU besonders herausstellt.

Die Heimat der Katze liegt in Nubien und Ägypten. Seit den Zeiten der Pharaonen Tut-ench-Amun und Ramses genoß die Katze in Ägypten mythische Verehrung. Gleichwohl wurde sie auch als ambivalente Göttin verehrt, die sowohl für das Leben als auch für den Tod zuständig war.

In der abendländischen Kultur ist die Katze als Haustier mit zahlreichen Bedeutungen belegt, die die ganze Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit der menschlichen Existenz enthält. Denn ebenso wie die Menschen an geheimnisvolle Wesensverwandtschaften mit ihren Tieren glauben, vermögen dieselben Tiere gerade die Schwächen des Menschen und seine Fehlerhaftigkeit aufzudecken. Der Widerspruch etwa zwischen der Freiheitsliebe einerseits und der Suche nach Geborgenheit andererseits, der sich mit der Wesensart der Katze verbindet, ist hier ins Monumentale gesteigert.

Aber gerade in dieser Übersteigerung ins Monumentale wird für den Betrachter auch das Ambivalente körperlich erfahrbar. Denn das Anheimelnde des kuscheligen Haustiers erfährt eine Verwandlung zum Grotesken. Mit einem Mal wird der Mensch zur Maus der Katze.

In der Umkehrung der Perspektive ist zugleich ein programmatischer Aspekt dieser Ausstellung enthalten. Denn in den neuesten Arbeiten kommt die Darstellung des Menschen nicht mehr vor. Vielmehr läßt Carin Grudda ihre Tiere gleichsam auf den Menschen blicken, wobei sie die vielfältigen
Probleme des Menschseins reflektiert.

DIE GROSSE FRAU

Die monumentale Statue steht auf zwei mächtigen Füßen, die wie in einem klassischen Standmotiv aufeinander bezogen sind, und die Figur in eine Spannung von Ruhe und Bewegung versetzen. Ihr gewichtiger Leib steckt in einem Gewand, dessen aufwippender Saum die Figur nach unten abschließt. Es vermittelt der schweren Gestalt Momente von Leichtigkeit und Lebendigkeit.

Image Allein das Haupt enthält Bezüge zur symbolischen Bedeutung der Plastik. So erinnern die großen Ohren und die lange Nase an die berühmten Moais, jene monumentalen Steinfiguren der Osterinseln. Und unter Einbeziehung derartiger archaischer Aspekte gewinnt auch der massige Leib eine Bedeutung, wie sie aus
den plastischen Darstellungen prähistorischer Fruchtbarkeitssymbole bekannt sind.

Die Venus von Willendorf im Wiener Naturhistorischen Museum ist die prominenteste Figur dieser Art.

DIE GROSSE FRAU eine Erdmutter, eine moderne und zugleich archetypische Gottheit der Weiblichkeit? Ist das möglich?

Carin Gruddas Figur hat drei Augen. Schon im Altertum war bekannt, daß Wahrnehmung über die der physischen Welt hinausreichen kann. Zyklopen wurden, wenn auch selten, mit drei Augen dargestellt, von denen in der Odyssee nur das eine in der Stirn geblieben ist. Das „dritte Auge“ der GROSSEN FRAU befindet sich unter ihrem linken Auge, auf der Seite des Herzens. Es ist kein Organ im physiologischen Sinn, es ist das Auge der künstlerischen Wahrnehmung Gruddas, das Auge des Spürens, das visionäre Auge ihrer Gestaltungskraft.

Insofern ist diese monumentale Plastik mehr als nur eine Leben spendende Erdmutter , auf die zwar manches verweist. Sie ist zugleich die Personifizierung der künstlerischen Antriebskraft Carin Gruddas, die sie nicht selten aus archaischen Zusammenhängen gewinnt.

Hier-Woanders

ImageHier sitzt ein schmächtiges Brunnenmädchen und blinzelt in die Welt, links neben ihm ein kleiner Teddybär. „Hier-Woanders“ nennt die Künstlerin das kleine Bronzebildwerk, und es klingt so ortlos wie ein nicht gebändigtes Verlorensein. Denn hier zu sein und auch woanders ist dasselbe wie nicht hier und auch nicht woanders zu sein.

Da es aber nun mal da ist, muss es ja irgendwo sein. Und so ist es hier, aber es scheint zu entschwinden, sich trotz seiner bronzenen Gestalt zu entmaterialisieren. Das arme Kind hat keine Wurzeln, ist anwesend und doch nicht da, obwohl es eine Blume hält, deren blauer Blüte Wasser entspringt. Allein der Teddybär gibt Halt.

Im allzuschnellen Hier einsam und allein, sucht es diesen Halt im Woanders, da, von wo Vertrautheit
eben noch herüberwinkt. Es ist der Teddybär, dem im Veränderungsgedränge der Gegenwart das vergangene Vertraute entströmt, in dem die Intimität und die Identität des Brunnenmädchens noch
immer bewahrt ist. Im Hier ungeschützt, ist es im Woanders zu Hause.

Das Brunnenmädchen ist eine allegorische Figur, die das Innere der Künstlerin nach außen kehrt,
ihrer Seele eine Gestalt gibt. Mag die im Hier noch so mutterseelenallein sein, ihre Wurzeln hat sie im Woanders.

PEGASUS

Das geflügelte Pferd aus der griechischen Mythologie hat unter den Händen von Carin Grudda eine Gestalt angenommen, die zu vielfältigen Deutungen Anlaß gibt. Gruddas PEGASUS hat zunächst einmal gar keine Flügel. Auf massigen Füßen steht das Tier am Boden. Während es mit seinem Hinterteil eben der Erde zu entschlüpfen scheint reckt es sein Haupt hoch in die Luft.

Manche Altertumsforscher sehen im mythischen Pegasos, wie er griechisch heißt, die Verschmelzung zweier regional unterschiedlicher Kulte. An den Küsten beheimateten Religionen galt er als poseidonisches Unterweltroß, weil er von Poseidon und der Medusa abstammte. In den Zeusreligionen der antiken Bergvölker aber war Pegasos das geflügelte Himmelsroß.

ImageAuch Gruddas PEGASUS vereint beide Elemente in seiner Gestalt. Indem er,  wie Tätowierungen auf der Haut, Bilder und Zeichen der prähistorischen ligurischen  Höhlenkunst trägt, zeigt er sich als ein Wesen der Unterwelt. Sein zum Himmel gerecktes  Haupt mit dem doppelt aufgerissenen Maul, dessen bronzene Flächen blank poliert sind, empfängt und reflektiert das Licht von Sonne und Mond. Aber auch das der Zeus-Blitze, als deren Träger Pegasos über den Himmel fliegt und dort zwischen Andromeda und Wasserman als Sternbild steht.

Carin Grudda stellt ihren PEGASUS in die Welt dazwischen, in die irdische Welt, in die Lebenswelt der Menschen mit all ihrer Bedrohtheit und Endlichkeit. Damit gibt sie den antiken Mythen, und zugleich allen anderen religiösen Universalansprüchen, eine menschliche Dimension.

Am Helikon, dem antiken Berg der Musen, hatte Pegasos durch einen Huftritt die Quelle Hippokrene, die Roßquelle, entspringen lassen. Sie gilt seither als Inspirationsquelle der Dichter. Wenn Gruddas PEGASUS in Ingelheim am rauschenden Bach des Kinderspielplatzes ausgestellt ist, darf man vielleicht auf manchen zukünftigen Ingelheimer Sprachkünstler hoffen.

© Uwe Geese